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Christian Kern: "Unsere Ziele mit aller Konsequenz verfolgen, und wenn wir scheitern sollten, dann werden wir es aus den richtigen Motiven tun." (in: "Kronen Zeitung")

Kronen Zeitung: Herr Bundeskanzler, haben Sie sich schon an diese Anrede gewöhnt?

Christian Kern: Nein… Sie drückt einerseits Respekt aus, aber andererseits auch eine gewisse Distanz. Mehr Distanz, als mir lieb ist. Herr Kern ist deshalb wirklich mehr als ausreichend.

Kronen Zeitung: Wenn Sie morgens in den Spiegel schauen, glauben Sie dann auch, Züge von Humphrey Bogart zu erkennen?

Kern: Ich selbst wäre nie auf diese Idee gekommen. Aber wenn andere diese Ähnlichkeit mit Humphrey Bogart sehen… Dann beneide ich ihn um seine Nase.

Kronen Zeitung: Alexander Van der Bellen hat es am Sonntag knapp geschafft. Wie viel von den 50,35 Prozent hat er Ihnen zu verdanken?

Kern: Ich habe ihn gemeinsam mit 2,2 Millionen Österreichern gewählt, insofern hat meine Stimme einen Beitrag geleistet. Was das sonst für einen Einfluss hatte, kann ich nicht beurteilen. Aber es ist eine gute Entscheidung gewesen. Wir hätten aber selbstverständlich auch den Herrn Hofer respektiert. Allerdings ist es schon mal einfacher, wenn man vom Start weg auf einer ähnlichen Wellenlänge ist.

Kronen Zeitung: Wäre es so ausgegangen, wenn hier noch Werner Faymann sitzen und der linke Flügel motschkern würde?

Kern: Ich würde es anders formulieren. Ich glaube, es ist in dieser kurzen Zeit gelungen, eine positive Stimmung zu produzieren, und hier müssen wir anknüpfen. Insofern würde ich sagen: Es ist kein Werner-Faymann/Christian-Kern-Phänomen, es sind große Stimmungslager im Land, die sich in den letzten Tagen bewegt haben.

Kronen Zeitung: Hat Ihnen Werner Faymann am 1. Mai leidgetan?

Kern: Also ich muss sagen, das war für mich wirklich bedrückend. Auch der Tag, an dem Werner Faymann zurückgetreten ist, war kein Freudentag. Ich habe das mit großer Nachdenklichkeit gesehen. Werner Faymann hat es mit großem Stil gemacht. Respekt vor ihm.

Kronen Zeitung: War es ehrlich von Ihnen, in Interviews immer zu sagen, Kanzler zu werden, interessiere Sie so wenig wie "Mud-Wrestling"?

Kern: Ich bin immer ehrlich! – Ein ernster Blick aus seinen grünbraunen Augen. – Das ist gar keine so schlechte Analogie, denn sobald du so eine öffentliche Person wirst, sind die Auseinandersetzungen nicht immer sehr nobel, insofern war das mit dem Schlamm-Wrestling gar nicht so falsch. Es ist so: Ich bin oft gefragt worden, viele Leute haben mich ins Spiel gebracht. Aber lange Zeit ist das ist so fern gewesen. Erst nach dem Gespräch mit Michael Häupl habe ich begriffen, dass es ernst ist. Wenn du gefragt wirst: "Bist du bereit, das zu tun?", kannst du nicht mehr sagen: "Freunde, ich sitze doch lieber auf dem Muppet-Balkon."

Kronen Zeitung: Für manche hat es wie ein Putsch ausgesehen…

Kern: Wie hätte denn das gehen sollen? Also ganz ehrlich. Gerhard Zeiler hat keine Funktion gehabt, ich habe keine Funktion in diesem Spiel gehabt. Wenn wir uns da zusammengesetzt und über einen Putsch fantasiert hätten, dann hätte man sich um unsere mentale Gesundheit ein bisschen sorgen müssen.

Kronen Zeitung: Aber die Treffen mit Gerhard Zeiler gab es ja.

Kern: Was schon passiert ist – und das will ich gar nicht verhehlen: Wir haben natürlich im Freundeskreis diskutiert, dass es in dem Land Veränderungen braucht. Und wir waren nicht die Einzigen, die diese Sicht hatten. Dass wir beide bereit waren, einen Beitrag zu leisten, das war auch klar, an welcher Stelle auch immer. Aber ich bin nicht in der Sandkiste gesessen und habe gesagt: Ich will Bundeskanzler werden.

Kronen Zeitung: Viele setzen große Hoffnungen in Sie. Manche glauben sogar, Kern könne über Wasser gehen und dieses in Wein verwandeln…

Kern: Kommt mir auch so vor.

Kronen Zeitung: Sind Sie ein Wunderwuzzi?

Kern: Es ist nicht so, dass du hier in dieses Büro einziehst und plötzlich vom Heiligen Geist erleuchtet wirst. Das konnte ich leider noch nicht feststellen. Am Ende des Tages geht es darum, einen Plan zu entwickeln, den zu kommunizieren, Gefolgschaft dafür zu mobilisieren und im Team zu exekutieren. Ich mag diesen Satz von Robert Kennedy – der Bruder des verstorbenen Präsidenten – der gesagt hat: "Wenige Personen haben die Größe, die Geschichte zu verändern." Ich würde ergänzen: Auch ein Bundeskanzler nicht. Es ist vielmehr das Engagement von vielen, das die Geschichte einer Generation prägt. In dem Kontext sehe ich meine Rolle. Die Anrede Kanzler drückt mehr Distanz aus, als mir lieb ist.

Kronen Zeitung: Wie sehr spüren Sie den Erwartungsdruck?

Kern: Die positive Stimmung ist enorm, das macht mich auch sehr nachdenklich. Denn wir werden manche Erwartungshaltungen am Ende auch enttäuschen. Aber wir werden unsere Ziele mit allem Nachdruck, mit aller Konsequenz verfolgen, und wenn wir scheitern sollten, dann werden wir es aus den richtigen Motiven tun.

Kronen Zeitung: Knapp die Hälfte hat am Sonntag Norbert Hofer gewählt, Sie sind Kanzler beider Hälften. Was machen Sie mit der Enttäuschung dieser Menschen?

Kern: Ein Wahlerfolg mit knapp über 50 Prozent ist in Wahrheit die viel größere Verpflichtung als ein Sieg mit 90 Prozent. Ich bin der Meinung, dass wir die Chance haben, alle Menschen zu überzeugen, wenn wir die richtigen Dinge ansprechen und auch umsetzen. Wir müssen den Menschen auch erklären, was wir tun, wofür wir stehen. Das ist vernachlässigt worden.

Kronen Zeitung: Die Haltung gegenüber der FPÖ definieren Sie über klare Grundsätze, zum Beispiel ein klares Bekenntnis zu Europa. Wie wollen Sie das kontrollieren?

Kern: Auch Hetze gegen Menschen und Minderheiten gehört dazu. Da werden Lippenbekenntnisse jedenfalls nicht reichen. Aber ich will mich da zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht auf Formulierungen festlegen. Mein Ziel ist es, die SPÖ zur führenden Kraft in Österreich zu machen, deutlich Wahlen zu gewinnen.

Kronen Zeitung: Würden Sie TTIP unterschreiben?

Kern: Ein Viertel unserer Arbeitsplätze hängt am Export, Amerika ist unser drittwichtigster Handelspartner, 900.000 Arbeitsplätze hängen am Export. Das heißt: Jeder, der gegen offene Handelssysteme ist, reduziert den Lebensstandard. TTIP, wie es heute vorliegt, ist im jetzigen Zustand aber kein Abkommen, das wir beschließen würden.

Kronen Zeitung: Können Sie eigentlich noch Wortspiele zu Ihrem Namen und zu den armen ÖBB hören?

Kern: Ich bin schon in der Schule geeicht worden. Dort gab es eine Schulkollegin namens Kraft, und gemeinsam waren wir das kleine Kernkraftwerk. Also ich bin da einiges gewöhnt.

Kronen Zeitung: Heute ist Fronleichnam. Ist Ihnen Religion wichtig?

Kern: Sie ist ein wichtiger Teil unserer Kultur, eine prägende Kraft in unserer Gesellschaft. Viele der christlichen Werte sind mir persönlich wichtig, ich selbst bin allerdings Agnostiker.

Interview führte von Conny Bischofberger.