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Christian Kern: "Wir müssen den Ton herunterschrauben"

Der Bundeskanzler im Interview in "Kurier"

Kurier: Herr Bundeskanzler, haben wir uns mit dem Gerede über eine Sperre des Brenners in Europa blamiert?

Christian Kern: Nein, Italien hat gemeinsam mit unseren Behörden hervorragend kooperiert. Die Zahl der Menschen, die hier über den Brenner nach Österreich kommen, ist sehr bescheiden und Italien nimmt auch jene, die bei ihnen erstregistriert sind, zurück. Wir wissen aber auch, dass der Druck auf Italien weiter steigen wird, also ist es wichtig, dass der Verteidigungsminister hier Vorsorge trifft. Die Situation, die wir 2015 hatten, darf nie wieder passieren.

Kurier: Selbst der Tiroler Landespolizeikommandant hat gesagt, dass die Aufregung unnötig ist.

Christian Kern: Es ist gut, den Ton jetzt wieder herunter zu schrauben. Die Italiener und unsere Polizei machen an der Grenze ja wirklich einen hervorragenden Job.

Kurier: Haben Sie den Italienern erklärt, dass wir Wahlkampf haben?

Christian Kern: Nein, mit so einer Geschichte spielt man nicht. Es geht um eine historische Grenze, da geht es um die Reputation Österreich und es geht um die berechtigte Schutzbedürfnisse der Bevölkerung, aber nationale Alleingänge sind nie die beste Lösung und wir müssen an europäischen Lösungen arbeiten.

Kurier: Laut Verteidigungsminister warten 700 000 Menschen in Libyen auf die Fahrt nach Europa.

Christian Kern: Wir brauchen endlich wirksame Rückführungsabkommen, bessere Kontrollen der Fluchtrouten und wirksamen Schutz der Außengrenzen. Die EU hat in allen drei Bereichen Fortschritte gemacht, aber noch viel zu tun. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in den Herkunftsländern bessere Bedingungen vorfinden, damit sie bleiben wollen.

Kurier: Dr. Portisch hat im Kurier am Sonntag wieder vom Marshall-Plan für Afrika gesprochen.

Christian Kern: Das ist in Wahrheit der einzige Weg, das ist ein weiser Vorschlag. Es geht vor allem um den den Ausbau der Infrastrukturen. Europa wird jetzt einmal rund 3 Milliarden Euro investieren, dazu kommen 300 Millionen Euro aus den Mitgliedstaaten. Das ist aber noch zu wenig. Das kann nur ein Beginn sein, um Hugo Portischs Vision zu erfüllen.

Interview wurde geführt von Helmut Brandstätter