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Muna Duzdar: "Jetzt muss was weitergehen" (in: "Kleine Zeitung")

Kleine Zeitung: Sie sind nun seit drei Tagen Staatssekretärin und bisher wurde fast ausschließlich über Ihre Religion gesprochen. Ärgert Sie das?

Muna Duzdar: Natürlich nervt das, wenn ich auf meine Religion reduziert werde. Ich bin ja nicht Staatssekretärin geworden, weil ich Muslimin bin. Ich wurde erst jetzt wieder daran erinnert, dass ich eine Migrantin bin.

Kleine Zeitung: Die FPÖ wirft Ihnen sogar vor, eine palästinensische Terroristin nach Wien eingeladen zu haben.

Duzdar: Das ist erstunken und erlogen. Ich werde das jetzt rechtlich prüfen lassen.

Kleine Zeitung: Was bedeutet Religion für Sie?

Duzdar: Religion ist für mich Privatsache. Aber ich praktiziere meine Religion nicht. Für mich selbst spielt der muslimische Glaube in meinem täglichen Leben keine Hauptrolle.

Kleine Zeitung: Warum nicht?

Duzdar: Ich brauche ihn nicht für meine Orientierung im Leben. Es geht um ein Bekenntnis zu meiner Familiengeschichte.

Kleine Zeitung: In Ihrer ersten Rede im Parlament sagten Sie, nicht auf Ihre "palästinensisch-arabischen" Wurzeln vergessen zu wollen. Was meinen Sie damit?

Duzdar: Meine Eltern kommen aus Palästina, dazu bekenne ich mich. Dennoch sehe ich mich als Wienerin, Österreicherin, Europäerin und Weltbürgerin.

Kleine Zeitung: Sie sind auch für Kultusagenden zuständig. Glauben Sie, dass die Israelitische Kultusgemeinde Ihre palästinensischen Wurzeln kritisch sieht?

Duzdar: Das kann ich mir nicht vorstellen. Und ich habe kein Problem mit irgendjemandem dort. Ich mag es nur nicht, wenn Menschen ausschließlich über ihre Religion definiert werden. Und wer für Palästina ist, ist deswegen nicht gegen Israel.

Kleine Zeitung: Haben Sie schon Kontakt zu den Kultusgemeinden aufgenommen?

Duzdar: Noch nicht.

Kleine Zeitung: In einem Text für die Sozialistische Jugend schrieben Sie vor ein paar Jahren über den Nahostkonflikt, dass die Zweistaatenlösung aufgrund der israelischen Siedlungspolitik "tot" sei. Sehen Sie das immer noch so?

Duzdar: Ich bin für die Zweistaatenlösung. Ich bin heute aber Staatssekretärin für Öffentlichen Dienst, Verwaltung und Digitales. Außenpolitik ist nicht mein Bereich. Also werde ich mich dazu auch künftig zurückhalten.

Kleine Zeitung: Sie waren eine der schärfsten Kritikerinnen Faymanns. Warum?

Duzdar: Unter ihm wurde in der Partei nicht offen genug diskutiert. Aber er ist schließlich zurückgetreten, das spricht für ihn.

Kleine Zeitung: Sie sind Teil des Teams, das einen Neustart verspricht. Dieses Versprechen gab es schon oft, hat aber nie gehalten. Wieso jetzt?

Duzdar: Kern sprach von einem "New Deal", einem wirtschaftlichen Aufschwung. Zuletzt gab es den nicht – deshalb fragten sich die Leute zu Recht, warum sie noch die SPÖ wählen sollen, wenn eh alles schlechter wird. Die Sozialdemokratie muss für eine Verbesserung der Lebenssituation stehen.

Kleine Zeitung: Wie kann man den Leuten vermitteln, dass Sie es ernst meinen?

Duzdar: Ich glaube, dass die Stimmung schon besser wird. Jetzt muss was weitergehen.

Kleine Zeitung: Niemand betritt gerne ein sinkendes Schiff. Was hat den Ausschlag gegeben, Kern zuzusagen?

Duzdar: Er als Person, um ehrlich zu sein. Er hat mich schon beim Management der Flüchtlingsbewegung sehr beeindruckt.

Kleine Zeitung: Aber er hat angekündigt, dass er beim scharfen Asylkurs der Regierung bleiben wird. Diese Asylpolitik haben Sie stets scharf kritisiert. Jetzt sitzen Sie in der Regierung – bleiben Sie bei Ihrer Kritik?

Duzdar: Ich sehe die Asyl-Novelle nach wie vor kritisch. Und ich werde meine Meinung darüber sicher nicht ändern.

Kleine Zeitung: Was sehen Sie an der derzeitigen Asylpolitik kritisch?

Duzdar: Meine Bedenken betreffen vor allem die Integration. Wer nicht will, dass junge Männer alleine sind, darf Ihnen nicht den Familiennachzug erschweren. Oder: Wie soll jemand eine Lehrstelle bekommen, wenn er nur Asyl auf Zeit hat?

Kleine Zeitung: Und die Obergrenze?

Duzdar: Als Juristin und Anwältin sehe ich das problematisch. Aber das Gesetz ist beschlossen, eine breite Mehrheit im Parlament hat dem zugestimmt. Und wir leben in einer Demokratie, also habe ich das zu akzeptieren.

Kleine Zeitung: Werden Sie jetzt weniger kritisch gegenüber der eigenen Regierung oder Partei auftreten?

Duzdar: Ich werde immer meine Meinung haben. Aber ich bin jetzt in einer Position, in der ich die Republik vertrete und nicht mehr für mich alleine spreche.

Kleine Zeitung: Kern will eine Koalition mit der FPÖ nicht per se ausschließen. Sie jedoch sagten kürzlich bei einer Rede im Wiener Gemeinderat, dass die FPÖ an der „Errichtung einer autoritären Gesellschaft“ interessiert sei und sich die Freiheitlichen, "solange Sie leben", nicht ändern werden. Eine Öffnung zur FPÖ kann es also nie geben?

Duzdar: Wir sind als Partei stark genug, um inhaltlich darüber zu diskutieren. Aber nehmen wir etwa die Angriffe der FPÖ auf mich: Die sind schäbig.

Kleine Zeitung: Also wird es nie eine Koalition mit der FPÖ geben?

Duzdar: Mit der derzeitigen FPÖ sicher nicht. Dafür müssten sie sich um 180 Grad drehen. Und das bezweifle ich.

Kleine Zeitung: Finden Sie, dass es in Österreich eine negative Stimmung gegen Flüchtlinge und Migranten gibt?

Duzdar: Ich verstehe die Ängste der Menschen schon. Aber diese Ängste haben viel damit zu tun, dass es eine Partei gibt, die seit Jahrzehnten Ängste schürt.

Kleine Zeitung: Erschwert diese negative Stimmung die Integration?

Duzdar: Natürlich. Es ist nicht förderlich, wenn man auf der Straße schief angeschaut wird.

Kleine Zeitung: Sie sind eine Vorzeigemigrantin. Was war ausschlaggebend, dass die Integration funktioniert hat?

Duzdar: Meinen Eltern war Bildung wichtig, ich musste gute Noten nach Hause bringen. Außerdem hatte ich gute Lehrerinnen und wollte schon als Kind Anwältin werden.

Kleine Zeitung: Es gibt aber auch jene, die weniger Interesse an Integration und sozialem Aufstieg haben, oder?

Duzdar: Die wird es immer geben, doch das ist eine Minderheit.

Kleine Zeitung: Sie haben eine Wahlempfehlung für Alexander Van der Bellen ausgesprochen. Weil Sie eher für ihn oder gegen Hofer sind?

Duzdar: Mir persönlich war Van der Bellen immer zu wirtschaftsliberal. Aber jetzt gibt es keine Alternative zu ihm.

Das Interview führte Klaus Knittelfelder.