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Österreichischer Staatspreis für europäische Literatur 2017

Anton Thuswaldner, Laudatio auf Karl Ove Knausgård

"Sterben", "Lieben", "Spielen", "Leben", "Träumen", "Kämpfen" - das sind Schlüsselbegriffe unserer Existenz. Und damit befinden wir uns auch im Zentrum der Literatur des Norwegers Karl Ove Knausgård, dessen sechs Bände seines großen Romanzyklus in der deutschen Ausgabe nach diesen fundamentalen Kategorien benannt sind. Es geht um uns und wie wir uns verhalten. Es geht, und das sagt sich so leicht, um die Wahrheit, um das, was uns umtreibt und uns am Laufen hält.

Wahrheit, auch so ein Schlüsselbegriff, dem man im Verlauf der Lektüre unentwegt begegnet. Wahr ist, was ich für richtig halte. Deshalb ist falsch, wenn die anderen etwas denken, was mir nicht in den Kram passt. So ist es um die private Wahrheit bestellt. Wahr ist außerdem, worauf sich eine Gesellschaft geeinigt hat, es für wahr zu halten. Das bringt eine Gesellschaft in Konflikt mit anderen Gesellschaften, die sich auf ihre eigene Wahrheit verständigt haben. Ein Schriftsteller, der es ernst meint mit der Wahrheit, sieht sich in einer prekären Rolle. Er will seine Leser ja nicht hinters Licht führen, er möchte, und von Karl Ove Knausgård lässt sich das sagen, er möchte, dass seinen Lesern ein Licht aufgeht, kein Geringeres als das Licht der Aufklärung. Damit handelt er sich nichts als Probleme ein, davon kann er ein Lied singen, ein trauriges, bedrückendes, ein Lied, das zu Herzen geht. Ein Aufklärer, dem etwas zu Herzen geht? Das hat er, ein ausgesprochen belesener und reflektierter Zeitgenosse, gelernt, dass sich Seelenarbeit und Gedankenarbeit nicht grundsätzlich feindlich gegenüberstehen müssen. Der Einzelne und die Gesellschaft, die Wahrheit von einem, der etwas erlebt hat und die Wahrheit der anderen, die von außen beobachten, wie sich dieser Einzelne verhält, sie passen schlecht zusammen. Nichts als die Wahrheit wollte Karl Ove Knausgård aufschreiben, als er sich an die Arbeit zu seinem sechsteiligen Zyklus machte, der Familiengeschichte aufbereitet. Und dann musste er einsehen, dass neben seiner eigenen Wahrheit noch andere Wahrheiten begehren, anerkannt zu werden. Wir haben kein Wahrheitsministerium, das darüber wacht, was stimmt und was nicht, es fehlt eine Instanz, die zuständig ist für die letzte Wahrheit, und das ist gut so. Und so schreibt einer wie Knausgård Buch um Buch, um sich wenigstens seiner eigenen Wahrheit versichern zu dürfen, und die kommt aus dem privaten Bereich, für den sich genauso gut andere zuständig fühlen dürfen. Die im Buch festgeschriebene Wahrheit über das Leben in hochzivilisierten Ländern wie Norwegen oder Schweden, die Knausgård am besten kennt, von den siebziger Jahren bis in unsere Gegenwart geht aber weit über eine reine Familiengeschichte hinaus. Sie betrifft auch alle anderen, die diese Epoche mitgemacht haben. Die dürfen sich dann darin wiederfinden oder missverstanden fühlen.

Bestünde sein Leben aus einer unablässigen Reihe von Glücksmomenten, müsste Knausgård nicht darüber schreiben. Zum Stoff für die Literatur wird etwas, wenn der Stachel des Unbehagens an einem Spuren hinterlässt, die nicht heilen wollen. Dann kommt es vor, dass das einer nicht einfach wegsteckt, was ihm nachgeht und zur Tagesordnung übergeht, die ihm von außen auferlegt wurde und die ihm einleuchtet, sondern ins Grübeln gerät. Damit ist er um seinen Frieden betrogen, den inneren sowieso, um den äußeren auch noch, wenn ihm andere dazwischenfunken. Das hat Karl Ove Knausgård, dessen Schreiben so intensiv von Erlebtem durchdrungen ist, hautnah erlebt. Thomas Mann ist es widerfahren, dass sein Roman "Buddenbrooks" als Schlüsselwerk über die Lübecker Gesellschaft gelesen wurde. Tatsächlich hat er sich genau umgehört und Begebenheiten, die ihm zugetragen wurden, in den Roman eingearbeitet. Er hat aus dem Leben Kunst gemacht. Nichts anderes macht Knausgård, wenn ihm Personen aus seiner Familie Modell stehen. Sie sind Menschen mit Eigenschaften, die andere Menschen auch ausmachen. "Meine Wahrheit" könnte die Romanreihe heißen und damit zum Ausdruck bringen, dass er ein individuelles Bild zeichnet. "Ich weiß nicht, was wahr ist und was nicht", zu dieser deprimierenden Einsicht gelangt er, als er draufkommt, dass das Ich des Verfassers mit dem Erzähler des Buches nur bedingt zur Deckung gebracht werden kann. Der große Vorzug der Romane besteht daran, zu beobachten, wie sich einer in Rückhaltlosigkeit einübt. Er stürzt sich ungeschützt in die Arbeit, balanciert über die Abgründe von Leben, die die Abgründe mitmeinen, die sich in den Individuen der Gesellschaft auftun. Er weiß, dass er sich auf die falsche Hexe Erinnerung nicht verlassen darf, weil sie ihm eine Wahrheit von vielen möglichen vorspielt.

Wer aus dem Umfeld von Knausgårds Leben Eingang in seine Bücher gefunden hat, hat zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder der Wiedererkennungseffekt ist so groß, dass sich manche zurückversetzt fühlen in eine Vergangenheit, die ihnen plötzlich und unerwartet nahe kommt. Andere mögen erschrecken, weil sich Verdrängtes ans Licht arbeitet, und das kann eine neue Unbehaustheit der Seele zur Folge haben. Die Wirkung der Lektüre mag bedrängend sein, wenn die Vergangenheit, endlich abgesackt ins Dämmerlicht des Ungefähren, unerwartet einen Angriff startet auf das Leben in der Gegenwart. Schnell sieht einer den sicheren Boden, den einer für sich gefunden hat, schwinden. "Min Kamp" lautet der Titel der Hexalogie und bezeichnet den Kampf des Erzählers, sein Leben zu organisieren und gleichzeitig den Kampf, dieses Leben, noch nicht abgeheftet, in Sprache zu überführen. Aus Fleisch und Blut und Schweiß und Tränen muss Schrift werden. Das macht einen Transformationsprozess notwendig: Gefühle in Worte gefasst. Ein Kampf der Ich-Werdung und der Ich-Behauptung wird nachgestellt und das geschieht im Verlauf eines künstlerischen Prozesses. Für eine Ästhetik der Verzögerung und des Hinhaltens hat sich Knausgård entschieden, mit der er Einzelheiten und Nebensächlichkeiten, die niemandem von Belang scheinen, solange man in diese involviert ist, arrangiert, sodass ein Bild eines ganz normalen Alltags entsteht. Das Gewöhnliche unter dem Vergrößerungsglas aber wird monströs wie ein Insekt, das in Naturgröße unscheinbar aussieht und unter dem Elektronenmikroskop wie eine Killermaschine wirkt. Was soll schon Großartiges geschehen mit einem, der in den Siebzigerjahren im wohlhabenden Norwegen heranwächst, meint man vorschnell, es handelt sich doch nur um die Trivialität einer ungefährdeten Existenz. Und dann schält sich eine Vater-Sohn-Geschichte aus den Elementen des Harmlosen. So nichts Böses wollend der schweifende Blick eines Sammlers von Miniaturen aus dem bürgerlichen Leben auch sein mag, er deckt das Gewaltige und Gewalttätige auf, das unter der Oberfläche der Wohlanständigkeit schlummert.

Das gelingt nur, weil diese Prosa sich nicht mit dem Beschreiben zufrieden gibt, sondern dem Verfasser seine Neigung zum Denken gestattet. Es gehört zur Knausgård-Poetik, dass sie den Konsens des Schicklichen aufzubrechen sucht. Wenn sich alle eingeschworen haben auf das, was er den "Nebel aus Moral und Politik" nennt, sucht er jene Abweichung, die ein Individuum erst zu einem solchen macht und aus der Verwechselbarkeit des Massemenschen heraushebt. Nach Lektüre des Romans "Eis" des schwedischen Schriftstellers Jerker Virdborg kommt der Erzähler in jüngeren Jahren zur Einsicht, dass das "sicher kein fantastischer Roman" war, "aber er hielt Ausschau nach etwas anderem. Das war die einzige Verpflichtung, die Literatur hatte, in jeder anderen Hinsicht war sie frei, in dieser jedoch nicht, und wenn Autoren dies versäumten, hatten sie nichts als Verachtung verdient." Ausschau halten nach etwas anderem! Die Haltung des jugendlichen Lesers darf man übertragen auf den Schriftsteller Karl Ove Knausgård, zu dessen besonderem Anliegen es gehört, niemandem nach dem Mund zu reden auf die Gefahr hin, völlig allein dazustehen. Das erklärt auch seinen Einsatz für Peter Handke, den er ohnehin für einen der bedeutendsten Autoren unserer Zeit hält, der aber durch sein Engagement für die serbische Sache einen Konsens gebrochen und sich ins Abseits bugsiert hat.

Der Alltag ist flüchtig, nicht für die Dauer bestimmt. Sobald er aufgeschrieben wird, macht sich der Verfasser zum Zuschauer des eigenen Lebens. Er verändert den Alltag, macht ihn zu etwas Besonderem, wird er doch herausgehoben aus einer Menge von Alltagen, die jedem von uns ununterbrochen zustoßen. Im Abstand mit der Zeit bekommt das Vergangene eine Atmosphäre, es wächst ihm Einzigartigkeit zu, wir wissen um die Unwiderbringlichkeit und das nicht Wiederholbare des Geschehenen. So entstehen eine Aura, die vorher nicht absehbar war und das Bewusstsein von Geschichte.

Hätten wir es im Fall Knausgård mit einem Rechthaber zu tun, der schreibt, weil er alles besser weiß, würde heute jemand anderer den Preis entgegen nehmen. Er aber vergewissert sich seines Tuns. Er schreibt über sich, seine Familie, Freunde und Menschen, die ihm nahe stehen und legt im nächsten Augenblick Rechenschaft darüber ab, was er gerade macht. Er stellt nicht nur den Suchscheinwerfer auf vergangene Zeiten ein, er überlegt sich auch, wohin dieser gerichtet werden soll, welche Perspektive er einnehmen muss und wie die Ausschnitte zu einem Ganzen zu fügen sind. Für das Schreiben bedeutet das, dass neben breiten erzählerischen Passagen, die tief ins Detail gehen und Stimmung und Atmosphäre ins Buch holen, auch weite Reflexionsfelder beschritten werden. Das Erzählen kippt unvermutet ins Denken, und dann sehen wir uns vor Essays gestellt, in denen die Wirklichkeit, die gerade so eindrucksvoll aufgespannt wurde, erweitert oder vielleicht gar in Frage gestellt wird. Wenn einer sich vornimmt, etwas so Grundlegendes und gleichermaßen Umstrittenes wie die Wahrheit abzubilden, ist es mit der reinen Beschreibung nicht getan. Das geht schon deshalb nicht, weil biografisches Schreiben eine Geschichte des Bewusstseins und eine der tiefsten verwinkelten Seele mit einschließt. Privater geht es nicht. Wie aber lässt sich über subjektives Empfinden schreiben, wenn die Wörter, die dazu zur Verfügung stehen, zum kollektiven Gebrauch gedacht sind? Darüber macht sich Knausgård Gedanken und arbeitet sich über ausführliche Überlegungen zur Frage vor, wie aus dem Fundus der für die Verständigung vorgesehen Wörter etwas Eigenes, was einem nur selbst gehört, errichtet werden kann.

"Das Ich in der Literatur", schreibt er in "Kämpfen", dem sechsten Band des Zyklus, "ähnelt dem Ich in der Wirklichkeit insofern, dass das Einzigartige des Einzelnen nur durch das ausgedrückt werden kann, was allen gemeinsam ist, was in der Literatur die Sprache ist. Sämtliche literarischen Ichs verwenden dieselben Worte, der einzige Unterschied, also das, was ein literarisches Ich von einem anderen unterscheidet, ist die Art und Weise, wie diese Worte verteilt werden."

Waren das Zeiten, als das Leben noch ein Traum war. Bei Knausgård hat es sich ausgeträumt, im Leben wie im Schreiben. Schreiben, wie es Karl Ove Knausgård unternimmt, geht auf Konfrontation. Auf ihn trifft der Vorwurf, mit dem so viele zeitgenössische Autoren konfrontiert werden, nämlich dass sie die Schmerzpunkte unserer Existenz vernachlässigten, nicht zu. Er sucht den Konflikt, die Auseinandersetzung, nimmt den Krach in Kauf. Er schont die Figuren seiner Romane nicht, was umso schwer wiegender ist, als ihre Vorbilder in seinem unmittelbaren Lebensumfeld vorzufinden sind. Er hegt nie die Absicht, sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, was zur Folge hat, dass der Erzähler, der weitgehend konform geht mit dem Verfasser Knausgård selbst, als oft recht unangenehmer, selbstbezogener Zeitgenosse in Erscheinung tritt. Er beschäftigt sich mit Kunst und Literatur, und auch hier herrscht selten Frieden, weil alles, was auf ihn einwirkt, durch die Mühle des eigenen Bewusstseins gedreht wird. Dieser Erzähler lässt sich nichts aufdrängen. Bevor er sich Bücher und Kunstwerke zu eigen macht, müssen sie die Barriere seines eigenen inneren Widerstands durchdringen.

Ausschau halten nach etwas anderem ist die Bedingung des Schreibens für Knausgård. Deshalb tastet er sich vom konkreten Dasein ausgehend in die Bereiche des Metaphysischen vor, weil er an die Grundsubstanz des Menschlichen gelangen muss. Das Gesehene allein reicht nicht für die Beschreibung des Menschen an sich. Hinter Handlungen stehen Motive, hinter Fleisch und Knochen pocht eine Seele, das Unbeschreibliche und für einen wie Knausgård Herausfordernde ist das Reich der Gefühle und Gedanken. All das, was sich dem mechanistischen Weltbild entzieht, zieht ihn an.

Auch deshalb die gründliche Auseinandersetzung mit Hitler. "Min Kamp", keiner nimmt sorglos diesen Titel für ein eigenes literarisches Projekt in Anspruch. Ein großes Kapitel ist Hitlers Buch "Mein Kampf" gewidmet. Knausgård hält es für das gefährlichste Buch, weil all die paranoiden Vorstellungen politische Wirklichkeit wurden. Er liest das Buch als Warnung: "Hitler selbst wusste, dass er die Leute niemals mit Argumenten würde gewinnen können." Er musste Gedanken einschleusen durch eine Schutzmauer, "die von Vorurteilen, also den allgemeinen, unreflektierten Ansichten, gebildet wird." Hitler arbeitete als Einschleichdieb in die Gefühlswelt der Deutschen, um deren Selbstwert zu steigern. Knausgårds Romanprojekt liest sich wie ein Gegenentwurf zu diesem Vorhaben. Hitler war bestrebt, alle Dokumente, die Rückschlüsse auf seine Entwicklung ziehen ließen, zu vernichten. Als gültig sollte die in seinem Buch präparierte Biografie genommen werden. Er ersinnt sich ein Idealleben. Knausgård besteht auf seinem Normalleben mit all seinen Verwerfungen, Ungereimtheiten und Fragwürdigkeiten. Handlungsanweisungen für die Politik lassen sich daraus nicht ableiten. Dennoch ist das Werk politisch im Sinn einer kritischen Sichtung der letzten Jahrzehnte.

Karl Ove Knausgård hat die Romane für das Verständnis unserer Zeit geschrieben. Und so wie es aussieht, haben sie das Zeug zum Klassiker.

Zum Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur gratuliere ich herzlich.

Anton Thuswaldner