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Rede von Thomas Drozda bei den Bregenzer Festspielen

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, heute bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2017 zu sprechen. Die Festspiele sind ein Fixstern am österreichischen Kulturfirmament. Jahr für Jahr ist dieses musikalische Großereignis ein Anziehungspunkt für Musikbegeisterte aus aller Welt. Vorarlberginnen und Vorarlberger genießen ja gemeinhin den Ruf, fleißig und ordentlich zu sein. Die Hip Hop-Band "Penetrante Sorte" bringt das in einem Liedtext folgendermaßen auf den Punkt – ich versuche es in der Landessprache: "Wenn denn mahamas ghörig!" Ob dieses Motto tatsächlich für ganz Vorarlberg gilt, kann ich nicht beurteilen. Dass dieses Motto aber für die Bregenzer Festspiele gilt, das weiß ich. Die Frau Intendantin Elisabeth Sobotka und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben heuer wieder für ein fantastisches, ein gehaltvolles und ansprechendes Programm gesorgt. "Echt ghörig!", herzlichen Dank dafür.

Neben den Gefahren der Liebe, wie sie in George Bizets Carmen besungen werden, werden heuer auch beklemmende Themen verhandelt. Bei den meisten von uns erweckt der Sommer schöne Assoziationen: Eine Oper mit Seeblick genießen, Zeit für Freunde und Familie haben, ein wenig ausruhen, vielleicht einen Urlaub am Meer machen. Andere Menschen jedoch nutzen den Sommer für die Flucht vor Krieg und Armut nach Europa. Es ist die warme Jahreszeit, die Zeit des Marsches. Die Festspiele greifen mutig das Thema "Flucht und Exodus" auf. Die Kunst wendet sich nicht ab, sie schaut hin. Neben Konzerten der Schiene "Musik und Poesie" beschäftigt sich das Theaterstück "The Situation" von Yael Ronen mit diesem Thema. Die Rossini-Oper "Moses in Ägypten" handelt vom alttestamentarischen Auszug eines ganzen Volkes. Auch der große Michael Köhlmeier wird diese – auch religiös motivierte – Flucht der Israeliten aus Ägypten aufgreifen und gemeinsam mit der Mezzosopranistin Dalia Schaechter bearbeiten.

Weshalb streiche ich die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht so heraus? Nun, ohne Zweifel sind diese Menschen, die auf der Suche nach einem sichereren, besseren Leben sind, für unsere Gesellschaften eine Herausforderung. Die Art und Weise, wie wir mit den ankommenden Menschen umgehen, wie wir über sie reden, was wir schreiben und berichten, sagt aber viel über uns aus. Über uns als Gemeinschaft, über uns als Bürgerinnen und Bürger und über den Grad der Zivilität unserer Demokratie. Nur damit keine Missverständnisse entstehen, sehr geehrte Damen und Herren, ich bin mir wohl bewusst, unter welchem Druck Europa steht: Die globalisierte Wirtschaft bleibt krisenanfällig, Krieg und Armut setzen immer mehr Menschen in Bewegung und der Terror trifft mittlerweile auch europäische Städte. Dennoch, das Erstarken der Demagogie und des groben Populismus ist besorgniserregend. Die universalen Menschenrechte, die Humanität werden in Reden bedroht und Ängste verstärkt. Die Politik reagiert – und ich sage das durchaus selbstkritisch – indem sie laufend nach noch mehr technischer Überwachung ruft und auf ein lautes Medienecho hofft! Vermeintlich soll so das subjektive Sicherheitsempfinden beruhigt werden. Aber gerade in Bezug auf unsere mühsam errungene Freiheit ist Vorsicht geboten. Die von Benjamin Franklin stammende Warnung "Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren" gilt nach wie vor. Noch mehr Überwachungstechnik wird die Probleme nicht lösen. Schon jetzt sind die gewonnenen Daten schwer überschaubar. Stattdessen müssen wir mit großer Achtsamkeit, scharfem Verstand und Augenmaß unsere Demokratie sowohl vor religiösem als auch vor linkem oder rechtem Extremismus schützen. Da sind wir gemeinsam gefordert für Freiheit und Rechtsstaat einzutreten.

Doch zurück zu den Bregenzer Festspielen. Sie greifen mit dem Thema "Flucht und Exodus" eine der großen Fragen unserer Zeit auf. Das ist etwas, das Kunst besonders gut kann: Die heißen Eisen anpacken. Die Kunst lädt uns nämlich nicht nur zur Interpretation des unmittelbaren Werkes, sondern immer auch zur Erkundung unserer Geisteswelt ein. Dabei bezieht sie häufig moralisch Stellung. Sie ist eine der wenigen Institutionen in unserer Gesellschaft, die mutig benennt, was richtig und falsch, was menschlich geboten und was zynisch und unmenschlich ist. Die Künstlerinnen und Künstler sind oft eine wachsame Avantgarde. Sie decken die Unmenschlichkeit auf, wo sie uns selbst noch verborgen ist. Kunst vermag der Demagogie die Maske der Harmlosigkeit zu rauben. In Anlehnung an Schiller halte ich die Kunst für einen moralischen Agenten und eine Schule der praktischen Weisheit. Die Bühne verfügt immer über eine gesellschaftspolitische Komponente und ist ein ästhetisches Instrument der Aufklärung!

Bevor ich schließe, nochmals Dank an all jene, die vor und hinter den Kulissen an den Festspielen mitarbeiten. Hinter einem so wunderbaren Kunstevent steckt viel Arbeit. Aus persönlicher Verbundenheit erlaube ich mir, die wunderbaren Musikerinnen und Musiker der Wiener Symphoniker hervorzuheben. Selbstverständlich gilt mein Dank aber allen Künstlerinnen und Künstlern.

Sehr geehrte Damen und Herren, die heurigen Bregenzer Festspiele werden uns künstlerisch erfreuen! Sie sind ein 8 000er in der österreichischen Kulturlandschaft. Dennoch: Die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft werden nicht leicht zu beantworten sein. Ich bin mir aber gewiss, dass eine menschliche und angemessene Antwort nur solidarisch und in Gemeinschaft erfolgen kann. "Zukunft braucht Herkunft" hat Odo Marquard eines seiner Bücher betitelt. Unser Europa, die EU mit all ihren Makeln, steht am Ende eines Jahrhunderte währenden blutigen Ringens. Sie ist auch das Kürzel für eine vormals unbekannte Epoche des Friedens. Die westlichen Demokratien beruhen auf den universellen Menschenrechten, dem Rechtsstaat, einer – gegenüber Intoleranz wehrhaften – Toleranz und dem Dialog. Dazu gehört, wenn auch von manchen als langweilig denunziert, der vernunftbegründete Kompromiss. Am liberalen und sozialen Staat können wir uns auch in stürmischen Zeiten orientieren. Der Sozialstaat ist eine herausragende Kulturleistung und ich bin überzeugt, dass er uns auch zukünftig gute Dienste erweisen wird. Er sichert soziales, materielles und kulturelles Wohlergehen – kurzum: Er ist das Fundament unseres Gemeinwohls. Die stabile Basis einer humanen, friedlichen Gesellschaft!

Sehr geehrte Damen und Herren, ich wünsche Ihnen wunderbare Festspiele!