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Thomas Drozda: "Ich habe nicht vor, die Budgets zu kürzen"

Der Bundesminister im Interview in "Kleine Zeitung"

Kleine Zeitung: Herr Minister, seit Ihrer Ernennung im Mai 2016 war die Diagonale der erste Anlass für einen Besuch in Graz. Ist der Nebenjob als Regierungskoordinator so zeitraubend?

Thomas Drozda: Grundsätzlich ist es für die Kunst und Kultur sicher kein Nachteil, dass ich in einer zentralen Regierungsfunktion bin. Aber es stimmt, ich hatte mir ursprünglich vorgenommen, alle Bundesländer in den ersten sechs Monaten zu besuchen. Da steht bisher der Wille fürs Werk.

Kleine Zeitung: Die Annahme wäre: Ein Minister, der sich vor Ort ein Bild macht, bringt mehr Verständnis für das regionale Kulturgeschehen auf – und mehr Förderungen für seine überregional bedeutsamen Institutionen.

Drozda: Wir unterstützen die Diagonale mit rund 230 000 Euro. Aber es stimmt, die Kulturfinanzierung ist stark wienlastig. Das hängt damit zusammen, dass wir dort zehn große Museen und die Bundestheater haben. Aber ich weiß sehr wohl, dass es in Graz und der Steiermark eine sehr lebendige Szene gibt. Und gerade im Bereich der Freien Szene setzen wir ja Schwerpunkte: Mitte 2016 habe ich ein 3-Millionen-Euro-Paket für die Erhöhung der Stipendien und der Personenförderung gestartet und durch ein neues Paket für die "freien Gruppen" ergänzt. In Summe stehen ab heuer 6 Millionen Euro mehr in diesem Bereich zur Verfügung, das ist eine Erhöhung um rund 10 Prozent.

Kleine Zeitung: Aber nur 4 Prozent des Bundeskulturbudgets von rund 450 Millionen Euro gehen in die Steiermark.

Drozda: Als jemand, der selbst aus einem Bundesland kommt, verstehe ich gut, dass man das in der Steiermark nicht als gerecht empfindet. Wir werden in dieser Frage dranbleiben. Noch heuer möchte ich einen Plan K für die Kunst und Kultur vorstellen. Die Regionalisierung wird da ebenso ein Thema sein wie das Zusammenspiel zwischen Bundes- und Landeseinheiten. Ich halte auch Benchmarking, den Vergleich mit anderen Ländern, für wichtig. Etwa sich zu fragen: Welche der historisch gewachsenen Förderinstrumentarien von der Film- bis zur Galerienförderung sind noch zeitgemäß? Jetzt wird eine Bestandsaufnahme gemacht, um zu sehen, wie wir noch effizienter werden können. Ob es vorteilhaftere Modelle gibt, werden wir mit den Kulturschaffenden selbst diskutieren, so wie ich es schon seit einigen Monaten mit verschiedenen runden Tischen mache.

Kleine Zeitung: Die werden sich wehren.

Drozda: Meine Erfahrung ist bisher eine andere. Es gibt natürlich Bereiche, in denen die Resistenz gegenüber Veränderungen vorhanden und groß ist, das nehme ich zur Kenntnis. Aber darum bin ich den Weg gegangen, ein Museums-Weißbuch abseits all der Interessenspositionen zu erstellen und darauf basierend Schlussfolgerungen zu ziehen.

Kleine Zeitung: Wenn Politiker über die Verschlankung der Strukturen sprechen, geht es in Wahrheit oft um die Verschlankung der Mittel, oder?

Drozda: Nein. Ich habe nicht vor, die Budgets zu kürzen, wenn Sie das meinen. Es geht nur darum, zu analysieren, ob es Sinn macht, wie zum Beispiel im Filmbereich, mehrere Förderinstitutionen zu unterhalten oder sie zu einem größeren Ganzen zu verzahnen. Das betrifft die Administration.

Kleine Zeitung: Sie haben die heimische Filmförderung angesprochen. Die beläuft sich insgesamt auf rund 58 Millionen Euro. Das hat sicher zum österreichischen Filmphänomen beigetragen. Es gibt auf Festivals viele Preise, aber an den Kinokassen schlägt sich das kaum nieder. Muss man nicht auch da ansetzen?

Drozda: Der kommerzielle Erfolg ist auch immer eine Frage der Marktgröße, schon aufgrund der Sprache. Österreich kann man nicht mit Ländern vergleichen, die wirklich einen großen Markt bedienen. Wir haben etwa mit dem Österreichischen Filminstitut (ÖFI) ein Instrument, das gut funktioniert. Es wird via ORF gefördert, es wird über die Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH gefördert, ich glaube, dass man nachdenken muss, wie man solche Institutionen perspektivisch effizienter aufstellen kann.

Kleine Zeitung: Derzeit stellen Sie auch eine Bundesmuseen-Holding in den Raum. Sind solche Effizienzsteigerungsmaßnahmen aktuell die einzige kulturpolitische Handhabe?

Drozda: Derzeit freuen wir uns über ein prognostiziertes Wirtschaftswachstum von 2 Prozent, bei den Budgets sind also nicht jedes Jahr 5-prozentige Steigerungsraten zu erwarten. In den Museen können 8 verschiedene Buchhaltungssysteme und Controllinginstanzen nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Da kann man Synergien nutzen.

Kleine Zeitung: Österreichs Kulturminister zeigen sich zuletzt als geübte Hüftschützen: Ihr Vorgänger Josef Ostermayer hat in der Causa Burgtheater/Hartmann sehr schnell personelle Maßnahmen gesetzt, Sie selbst jüngst in der Causa Belvedere/Husslein. Wird das in der Causa Roščic auch so sein, falls sich herausstellt, dass der designierte Staatsopernchef Bogdan Roščic in seiner Dissertation über Theodor W. Adorno tatsächlich plagiiert hat?

Drozda: Bogdan Roščic hat mich mit seinem erstklassigen Konzept für die Staatsoper überzeugt, und ich bin mir sicher, dass er ein glänzender Operndirektor sein wird.

Kleine Zeitung: Aber es geht letztlich um Betrug, oder?

Drozda: Die Universität Wien führt jetzt die Untersuchungen durch. Roščic hat eine erstklassige Berufsbiografie. Persönlich wage ich zu bezweifeln, ob es unsere Gesellschaft entscheidend weiterbringt, Doktorarbeiten aus den 1980er-Jahren zu diskutieren.

Kleine Zeitung: Sie wollen Roščic im Jahr 2020 als Staatsoperndirektor einsetzen, auch bei Aberkennung seines Titels?

Drozda: Ich bin überzeugt davon, dass er der Richtige für diese Funktion ist.

Das Interview wurde geführt von Ute Baumhackl