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Thomas Drozda: "Manchmal gibt es im Leben nur Schwarz-Weiß" (in: "Der Standard")

Der Standard: Haben Sie sich Ihren Amtsantritt anders vorgestellt?

Thomas Drozda: Nicht wirklich – wobei ich mir die Neubestellung im Belvedere anders vorgestellt hätte.

Der Standard: Sie wurden auch mit Ihrer Burgtheater-Vergangenheit konfrontiert. Die sogenannte Abzugssteuer für ausländische Beschäftigte wurde in Ihrer Zeit nicht eingehoben. Das haben Sie nicht mitzuverantworten?

Drozda: Ich kann gerne die immer gleichen Fragen mit den immer gleichen Antworten versehen. Faktum ist: Ich habe das Burgtheater 2008 in konsolidiertem, finanziell solide aufgestelltem Zustand übergeben. Nach meiner Zeit wurden innerhalb von vier Jahren 25 Millionen Euro Eigenkapital vernichtet. Im Zuge der Untersuchungen hat sich dann herausgestellt, dass auch vor 2008 in dem einen oder anderen Fall keine korrekten Belege für Auszahlungen vorgelegen sind. Der kaufmännische Geschäftsführer ist aber weder Prokurist noch der Leiter der Personalverrechnung, Buchhaltung oder des Rechnungswesens.

Der Standard: Sie hatten kein Vieraugenprinzip wahrzunehmen?

Drozda: Das Vieraugenprinzip gilt sowohl auf der Ebene der Geschäftsführung als auch in den einzelnen Abteilungen. Wenn, dann hätte das dort auffallen müssen. Zudem gab es im Jahr 2008 eine Steuerprüfung, bei der nichts beanstandet wurde.

Der Standard: Im Burgtheater-Skandal ortete man Kontrollprobleme zwischen Bühne, Holding und Ministerium. Erinnert Sie das nicht an die jetzige Situation im Belvedere?

Drozda: Kontrollprobleme orte ich beim Belvedere auch, ja. Berichtswesen und Controlling müssen verbessert werden.

Der Standard: Die Neuausschreibung im Belvedere erfolgt nun offiziell wegen Compliance-Verstößen der Direktorin. Inwiefern haben auch ethisch-moralische Vorwürfe, etwa schlechter Umgang mit Mitarbeitern, eine Rolle gespielt?

Drozda: Ich habe mich für eine grundsätzliche Neuaufstellung im Belvedere entschieden. Diese Neuaufstellung umfasst alle wichtigen Organe, aber auch strukturelle Verbesserungen, dazu gehören auch ein modernes Personalmanagement und Personalentwicklung. Man muss hier also keine personelle Antwort, sondern eine strukturelle geben.

Der Standard: Zunächst haben Sie die Vorwürfe für nicht gravierend erachtet. Warum haben Sie nach der Sonderprüfung umgeschwenkt?

Drozda: Sie sprechen hier von zwei verschiedenen Sachverhalten: Vor rund zwei Wochen hatte ich zu entscheiden, ob eine Abberufung erfolgen muss. Dafür gab es keine juristischen Gründe, auch weil etwaige Entlassungsgründe verwirkt waren. Das wurde vom Kuratorium empfohlen. Von diesem Kuratoriumsbeschluss hätte ich nur abweichen können, wäre "Gefahr in Verzug gewesen". Das andere ist die Vertragsverlängerung um fünf Jahre. In diesem Punkt habe ich für eine Neuaufstellung plädiert.

Der Standard: Hat der Druck der öffentlichen Meinung eine Rolle gespielt?

Drozda: Nein, das hat mich nicht beeindruckt. Es gab lange Proponentenlisten, die dafür waren, und lange Listen, die dagegen waren. Manchmal gibt es Entscheidungen im Leben, die im Ergebnis nur schwarz oder weiß sein können. Ich persönlich habe auf Basis der Fakten gut überlegt und bin zu der Einschätzung gekommen, dass es einen Neustart braucht.

Der Standard: Waren für Sie Leistungen und Verfehlungen abzuwiegen, oder ist das irrelevant?

Drozda: Im Grunde genommen ist das immer eine Gesamtbewertung. Aber ich denke, es ist im Sinne des Hauses, die Diskussion über Compliance zu beenden und die Diskussion über Ausstellungen zu führen.

Der Standard: Was sagen Sie Sponsoren und Leihgebern, die drohten, ihr Engagement zu beenden?

Drozda: Dass Frau Husslein besonders tüchtig war und den Umgang mit Sponsoren und Leihgebern mit Begeisterung und Leidenschaft gepflegt hat, ist evident. Aber es gibt auch in anderen Museen Sponsoren und Leihgeber. Daher bin ich sicher, dass wir eine erstklassige Person mit ähnlichen Qualitäten finden werden.

Der Standard: Wie haben Sie denn Agnes Hussleins Aussendung aufgenommen, in der sie das Compliance-Eingeständnis deutlich abschwächt hat und sagt, sie sei dazu gezwungen worden?

Drozda: Ich finde, dass jemand, der sich ungerecht behandelt fühlt, seine Sicht der Dinge auch sagen können soll. Das ist legitim. Im Detail ist es nicht mein Job, darauf einzugehen.

Der Standard: Warum wurde der ausführliche Bericht der Wirtschaftsprüfer BDO nicht veröffentlicht, sondern lediglich eine Zusammenfassung?

Drozda: Wir haben alle uns vorgelegten Unterlagen und Berichte veröffentlicht. Ich habe von der ersten Minute an für Transparenz plädiert. Ich kann mich ja nicht als Verfassungsminister hinstellen und für Informationsfreiheit eintreten, und im eigenen Bereich halte ich Dinge zurück!

Der Standard: Bei den Salzburger Festspielen haben Sie den Neoliberalismus gegeißelt. Wie wollen Sie da kulturpolitisch gegensteuern?

Drozda: Ich glaube, es ist ein Problem, wenn man zwar wortreich die Spaltung der Gesellschaft beklagt, aber nicht die Ursachen dessen benennt. Durch eine Totalliberalisierung der Finanzmärkte erodiert mittlerweile die Mittelschicht. Und Zukunftsängste hemmen das Wirtschaftswachstum. Kulturpolitisch muss man die gesellschaftskritische Haltung und soziale Position von Künstlern stärken. Zu diesem Zweck soll das Ministerium zu einem offenen Haus für Diskussionen werden.

Das Interview führte Stefan Weiss